Gypaetus barbatus | Familie: Habichtartige (Accipitridae)
Der Bartgeier ist einer der größten und beeindruckendsten Greifvögel Europas. Besonders auffällig sind sein langer, keilförmiger Schwanz, die schmalen Flügel und der namensgebende schwarze „Bart“ am Schnabel. Einst in den Alpen ausgerottet, wurde die Art seit den 1980er Jahren erfolgreich wiederangesiedelt. Heute lebt der Bartgeier in mehreren alpinen Regionen und fasziniert durch seine einzigartige Ernährung, sein auffälliges Gefieder und seine erstaunliche Lebensweise.
- Ordnung: Greifvögel
- Größe (Körperlänge): 94 – 125 cm
- Flügelspannweite: 260 – 290 cm
- Gewicht: 5 – 7 kg
- Nahrung: Aas und ca. 85 % Knochen
- Lebensraum: Gebirge
- Nist-Typ: Felsenbrüter
- Gefährdung: Potentiell gefährdet (NT, IUCN), regional ausgestorben (Rote Liste Tirols, 2017)
- Besonderheit: Bartgeier ernähren sich zu ca. 85 % von Knochen, welche dank ihrer extrem konzentrierten Magensäure verdaut werden können.
Die Rückkehr des Bartgeiers in die Alpen
1913 wurde der letzte Bartgeier in den Alpen durch den Menschen im Aostatal in Italien getötet. Damit galt die Art in den Alpen als ausgerottet. Im Jahr 1986 begann im österreichischen Nationalpark Hohe Tauern die erste erfolgreiche Wiederansiedlung. Dabei wurden in Zoos (z.B. Alpenzoo) ausgebrütete Tiere zur Auswilderung in die Alpen gebracht. Zwischen 1986 und 2019 wurden insgesamt 227 Jungvögel in den Alpen ausgewildert. Die erste erfolgreiche Naturbrut wurde 1997 in Hochsavoyen (Frankreich) aufgezeichnet. Die Auswilderung wird bis heute in mehreren Ländern Europas weitergeführt, um langfristig einen großen und genetisch vielfältigen Bestand in den Alpen zu sichern und das Überleben der Art zu gewährleisten.
Heute gilt die Wiederansiedlung der Bartgeier in den Alpen als eine der erfolgreichsten Rückkehrgeschichten einer Tierart weltweit. Innerhalb von nur rund 40 Jahren konnten sich die Bartgeier wieder fest in den Alpen etablieren. Heute gibt es etwa 450 Bartgeier in den Alpen, davon rund 100 Brutpaare. Zwischen 1997 und 2025 wurden in freier Wildbahn insgesamt 589 Jungtiere flügge. Die Vulture Conservation Foundation (VCF) wildert jedes Jahr Bartgeier in verschiedenen Gebieten Europas aus.
- Schutzstatus: Streng bzw. besonders geschützt nach BNatSchG [BG] Vogelschutzrichtlinie 2009/147/EG [VSR]
- Gefährdung: Potentiell gefährdet (NT, IUCN Rote Liste, 2021); regional ausgestorben (Rote Liste Tirols, 2017); Anzahl geschlechtsreifer Tiere weltweit: 1.675–6.700; aktueller Populationstrend: abnehmend (IUCN Rote Liste, 2021)
- Brutstatus: lokal verbreiteter, sehr seltener Brutvogel (Atlas der Brutvögel Tirols, 2022)
Der Bartgeier ist ein typischer Bewohner abgelegener Gebirgslandschaften und kommt in weiten Teilen der sogenannten „Alten Welt“ vor, also in Europa, Asien und Afrika. In Europa ist er heute nur noch in wenigen Regionen zu finden, darunter die Alpen, die Pyrenäen, die Sierra Nevada, sowie die Inseln Korsika und Kreta. Durch gezielte Schutz- und Wiederansiedlungsprojekte breitet er sich jedoch langsam wieder in Ländern wie Österreich, der Schweiz, Frankreich und Italien aus.
Sein bevorzugter Lebensraum sind hochalpine Gebiete mit steilen Felswänden, Schluchten und offenen Berglandschaften. Dort findet er ideale Bedingungen wie Aufwinde zum Segelflug und unzugängliche Felsnischen zum Brüten. Meist hält er sich in Höhenlagen über 1.000 Metern, häufig sogar zwischen 1.500 und 3.000 Metern auf. Der Bartgeier ist perfekt an diese extreme Umgebung angepasst. Er nutzt weite Gebirgsräume, in denen er auf Nahrungssuche große Strecken zurücklegt und die Überreste anderer Tiere verwertet.
Auch im Naturpark Karwendel werden gelegentlich Bartgeier beobachtet. Einige der in den Alpen ausgewilderten Tiere z.B. im Nationalpark Berchtesgaden tragen GPS-Sender. Ihre Flugrouten können mit einer Verzögerung von drei Tagen online beim Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV) mitverfolgt werden.

- Bleifreie Munition bei der Jagd und Schutz vor Giftködern, um Vergiftungen durch Kadaver zu vermeiden
- Besucher- und Flugraumlenkung, damit Brutplätze und Horste besonders während der Brutzeit störungsfrei bleiben
- Vorbeugung von Kollisionen mit Leitungen und Seilbahnkabeln
- Verhindern von illegalem Abschuss sowie verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, zur Sensibilisierung und Aufklärung
- Langfristige Fortführung des grenzüberschreitenden Bartgeier Monitorings unter Einbindung von Citizen Science Meldungen (weitere Infos hier)
Wusstest du schon, …?
Als reiner Aasfresser stellt der Bartgeier weder für Menschen noch für andere Tiere eine direkte Gefahr dar. Er zeigt kein Jagdverhalten und gilt als sehr scheu und friedlich. Im Vergleich zum Steinadler zeigt der Bartgeier zudem deutlich weniger Territorialverhalten. Außerdem ist er körperlich nicht dazu in der Lage, Kinder oder größere Tiere zu packen. Historische Aberglauben und Schauergeschichten, nach denen Bartgeier Vieh, Lämmer, Wild oder sogar Kinder verschleppen würden, sind daher völlig falsch. Diese Irrtümer führten jedoch dazu, dass der Bartgeier zu Beginn des 20. Jahrhunderts im gesamten Alpenraum ausgerottet wurde. Vor allem durch gezielte Bejagung und Vergiftung, aber auch durch indirekte Ursachen wie vergiftete Kadaver von Füchsen und Wölfen sowie den Rückgang der Huftierbestände.
Mit einem pH-Wert von nur 0,7 ist seine Magensäure extrem sauer, was ihm die Verdauung der besonders harten und schwer verdaulichen Knochen ermöglicht. Aufgrund der „knochentrockenen“ Nahrung muss er allerdings häufiger trinken als andere Vögel.
Der Bartgeier ist die einzige Geierart, die sich vollständig auf Knochen spezialisiert hat. Etwa 85 % seiner Nahrung bestehen aus Knochen, was ihm eine eigene, reichhaltige Nahrungsnische sichert und Konkurrenz mit anderen Greifvögeln weitgehend vermeidet. Als reine Aasfresser übernehmen Bartgeier eine wichtige Rolle im Ökosystem: Sie wirken quasi als „Putzpatrouille“ und helfen durch das Entfernen von Kadavern, die Ausbreitung von Krankheiten einzudämmen.

Größere Knochenstücke werden bei der sogenannten „Bartgeierschmiede“ aus Höhen von 50 bis 80 Metern auf Felsen oder Geröll fallen gelassen, um sie zu zerkleinern. Selbst wenn einmal ein Knochen im Rachen stecken bleibt, kann der Bartgeier problemlos atmen, da seine Schnabelöffnung besonders groß ist und die Luftröhre fast bis zur Schnabelspitze reicht.
Der Bartgeier zeichnet sich durch seinen langen, keilförmigen Schwanz und seine großen, schmalen Flügel aus. Während Jungvögel eine dunkle, fast schwarze Kopfbefiederung besitzen, zeigen erwachsene Bartgeier eine deutlich hellere Kopffärbung. Auffällig sind außerdem die gelb- bis rötlich gefärbten Brustfedern.

Die meist orange-rötlichen Gefiederpartien an Bauch, Brust und Nacken sind eigentlich von Natur aus weiß. Ihre Farbe erhalten sie durch Bäder in eisenoxidhaltigem Schlamm, mit dem die Tiere ihr Gefieder bewusst kupferrot einfärben. Der genaue Grund ist noch unklar. Mögliche Erklärungen sind Schutz gegen Parasiten, Statussymbol, thermoregulatorische Funktionen oder die Verzögerung von Federabnutzung.
Bartgeier werden im Alter von etwa 5 bis 7 Jahren geschlechtsreif. In Gefangenschaft können sie über 50 Jahre alt werden, in freier Wildbahn erreichen sie meist ein Alter von über 30 Jahren. Die erste erfolgreiche Brut findet häufig erst im Alter von 8 bis 9 Jahren statt.
Bartgeier leben monogam und bleiben ihrem Partner meist ein Leben lang treu. Die Paarungszeit liegt zwischen November und Dezember, mit anschließender Eiablage von meist zwei Eiern zwischen Dezember und Februar. Nach einer Brutzeit von etwa 52 bis 58 Tagen schlüpfen die Jungvögel passend zur Schneeschmelze. Während dieser Zeit werden im Winter verendete Tiere freigelegt und es gibt zahlreiche Lawinenopfer. Das ist wichtig, da Jungtiere zunächst überwiegend Fleisch von Aas fressen und der Anteil an Knochen in der Nahrung erst mit zunehmendem Alter zunimmt. Dennoch kann nur ein Jungvogel großgezogen werden. Das stärkere Küken setzt sich durch, während das schwächere vernachlässigt oder vom Stärkeren getötet wird und nur als „biologische Reserve“ diente. Nach etwa 110 bis 130 Tagen verlässt der Jungvogel erstmals den Horst. Anschließend bleibt er noch einige Wochen bis Monate im Revier der Eltern, bevor er dieses im Alter von etwa 8 Monaten endgültig verlässt.
In der Brutsaison 2024/25 wurden im gesamten Alpenraum 80 Eiablagen und 71 Jungtiere dokumentiert. In Österreich schlüpften bei 5 Brutpaaren insgesamt 7 Jungvögel – vier in Nordtirol und drei im Nationalpark Hohe Tauern.













